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Kastenbrot

Er musste lachen. "Gottseidank", dachte er so bei sich "kann ich noch lachen." Dem lieben Gott in dieser Situation zu danken war auch nicht gerade angepasst. "Scheiß auf Gott und auf die Floskeln!", forderte er also von sich im Stillen. Was er in den letzten Stunden miterleben musste war nicht sehr spaßig. Verstörend, bedrückend, geschmacklos, atem- und nervenberaubend. Er wollte mehrere Male losschreien, seinem Zorn über das was er sah Ausdrücke verleihen. Doch irgendetwas sagte ihm immer wieder: "Lehn dich zurück, genieß die Show. Jeglicher Impuls, jegliche Form der unmittelbaren Reaktion wäre eine Vergeudung." Also lehnte er sich zurück, genoß die Show und versuchte darüber hinaus noch unbeeindruckt auszusehen. "Wenn schon hier raus gehen, dann doch zumindest als die coolste Sau von allen.", war seine Überlegung. Ob ihm gelang, wirklich unbeeindruckt auszusehen, dessen war er sich nicht hundertprozentig sicher. Die anderen jedoch - und das bemerkte er erst jetzt, da er sich seinen Plan ins Gedächtnis rief - bedachten ihn mit matten, aber bewundernden Blicken. Er konnte noch lachen. Sie hingegen waren entladen wie Batterien, schauten ziellos umher, fixierten immer wieder das ein oder andere Gesicht, um sich zu versichern, dass das, was da gerade mit ihnen passiert war auch wirklich in Ordnung ginge. In ihren Gesichtern lasen sie sich gegenseitig ab "Scheiße, ja! Ich war auch dabei!" Das einte sie und schenkte ihnen Trost. Ihn jedoch da so stehen zu sehen, locker und gelöst, ja lachend sogar, das ließ sie wie die Deppen da stehen. Ihn dafür zu hassen wäre falsch gewesen. Deswegen bewunderten sie ihn einfach im Stillen. Dass er das da drin so gemeistert hatte war schlicht und ergreifend bewundernswert. Neidlose Anerkennung. "Respekt! Alter Schwede!", dachten sie im Chor. Auf einmal und unbemerkt starrten alle nur noch ihn an. Das war ihm unbehaglich. Er wusste, dass er nun etwas sagen musste, irgendetwas, dass sie nicht mehr ganz so wie die Deppen aussehen ließ, die sie zweifellos waren. Er wusste, dass er ihnen das schuldig war. Verlegenes Drucksen um eine Antwort war genau sein Fall. "Komm schon, sag was! Irgendetwas. Es ist egal. Sie wollen nur deine Stimme hören. Verstehen werden sie dich eh nicht. Sie werden denken, du sprichst in fremden Zungen. Dabei sind sie es, deren Zungen genau so taub wie ihre Ohren und ihr Verstand sind. Zeig ihnen, dass es okay ist." Wieder diese Stimme. Vorhin fragte er sich bereits, was das überhaupt solle und seit wann es üblich für ihn sei, Stimmen zu und auf sie zu hören. "Naja", murmelte er vor sich her "Was einmal klappt, das funktioniert auch ein zweites Mal. Also..." ein Räuspern "irgendwas..." ein weiteres Räuspern

"KASTENBROT"

Er sagte es lauter als geplant und erschrak vor sich ein wenig, nicht jedoch so sehr wie die anderen, die zusammenzuckten, als sei in unmittelbarer Nähe eine Autobombe explodiert. Da musste er wieder lachen. Er drehte sich um, winkte ab und verschwand in der Nacht. Sein Lachen hallte noch eine ganze Weile durch die Engen Gassen der Altstadt, nur hin und wieder unterbrochen von einem verständnislos dahingebrabbelten "Kastenbrot?!". Die anderen schauten sich nocheinmal kurz an, wie zum Abschied. Das ein oder andere Kopfnicken, dann ein kollektives Kopfsenken und Hände in den Taschen vergraben, schließlich löste sich die Gruppe auf und ließ sich von der Nacht verschlucken. In der Ferne wollte das Lachen nicht verhallen.
22.1.07 18:11
 


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